"Das Schweigen Gottes"

Leseprobe:
"Das Schweigen Gottes"

1 Sprecher, 4 Tänzerinnen
Tanztheater
45 Minuten

Premiere: Okt. 2008
Dom zu St. Blasiens

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Video

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bei Theaterstückverlag erschienen


Die englische Übersetzung ist in dem Buch "The Silent God" von Dr Marjo C.A. Korpel, Utrecht University, und Prof. Dr. Johannes C. de Moor im März 2011 bei brill erschienen. Ich danke für die freundliche zur Verfügungstellung der Übersetzung! Die holländische Ausgabe "De Zwijgende God" von Marjo Korpel und Johannes de Moor ist im Okt. 2011 bei Skandalon erschienen und unter der isbn: 978-94-90708-31-3 zum Preis von € 28,50 erhältlich.

www.tavanti.de  * kontakt@tavanti.de

Das Schweigen Gottes

von Patric Tavanti

Dieser Text wurde als TanzTheaterPerformance in St. Blasien im Rahmen der Klangnacht „Magnificat“ 2008 uraufgeführt. Seit 2010 wird er als Melodram für Sprecher und Klavier aufgeführt. (Musik: Christine Krebes, Sprecher: P. Tavanti).
2011 wurde es erstmals in der Chiesa Santo Stefano in Assisi, Italien aufgeführt (Guitarre: Alexandra Podstawa, Sprecher: P. Tavanti).

Sprecher:       Und Gott sprach...

Tänzerinnen: Und Gott sprach.... und Gott sprach... und Gott sprach... und Gott sprach...

und Gott sprach... Gott sprach... Gott sprach... Gott ...  Gott ... sprach...

Sprecher:       Und Gott sprach...

Doch der Mensch hörte ihn nicht.

Gott sprach zum Menschen...

Und der Mensch hörte, aber er verstand  nicht.

Und so sprach Gott, dass der Mensch ihn verstand...

Doch der Mensch glaubte es nicht.

Tänzerinnen: Warum ich?

Warum so einfach und klar?

Dass kann Gott nicht sein.

Ich bilde mir das ein, es war nicht Gott, der zu mir sprach.

Sprecher:       Und da schwieg Gott.

Der Mensch fühlte sich verlassen.

Tänzerinnen: Warum Gott tust du mir das an?

Wende dich nicht von mir.

Sprecher:       Da sprach Gott: Ich wende mich nicht ab, du willst nur nicht verstehen.

Tänzerinnen: Ich will, doch ich kann nicht.

Sprich nicht zu mir allein,

keiner würde es glauben.

Sprecher:       Und Gott sprach zu den Menschen...

Und jeder verstand ihn – auf seine Art und Weise.

Da sagte sich der Mensch, wer so unterschiedlich spricht kann nicht nur einer sein.

Es kann nicht nur einen Gott geben, zu viele Stimmen wurden gehört.

Tänzerinnen: Es kann nicht nur einen Gott geben...

                        Zu unterschiedlich spricht er zu uns...

                        Nicht nur einer...

                        Zu viele Stimmen...

                        Zu unterschiedlich...

                        Nicht nur einen Gott...

                        Zu viele... viele... viele...

Sprecher:       Doch Gott sprach zum Menschen, um ihn zu beruhigen:

Es gibt da nur einen Gott.

Und der Mensch verstand ihn – für sich zu nutzen und sprach nun selbst:

Tänzerinnen: Es gibt nur meinen Gott!

Er sprach zu mir

und ich hab ihn verstanden!

Es lügt, wer anderes vermeldet, ein falscher Gott nur kann zu ihm gesprochen haben.

Oder er selbst spricht falsch, um uns zu blenden.

Er kann nicht mehr zu uns gehören.

Sprecher:      Und wieder sprach Gott: Siehe, ich lade Dich ein zur Einheit.

Tänzerinnen: Hört nur,

Sprecher:       rief da einer,

Tänzerinnen: ich kenne nun die Wahrheit. Ich habe sie wohl vernommen, und ich kenne den Weg der uns zur Einheit führt mit Gott und in Gott mit uns.

Sprecher:       Und auch manch ein anderer sprach so. Und wütend zeigten sie auf einander und warnten:

Tänzerinnen: Wer sagt, er kenne auch den Weg, der führt nur in die Irre, das Trennende wird ewig sein!

Sprecher:       Und siehe, da war der Mensch getrennt und blieb getrennt - von sich, von Gott, vom anderen in Gott. Und es blieb ihm nur der Besitz seiner Wahrheit, doch war er sich ihrer nicht mehr sicher.

Er fühlte sich verlassen, verwirrt und Angst ergriff ihn, so dass er schrie:

Spre./ Tän.:   Gott, wenn du nun der falsche bist? (erst durcheinander, dann einmal unisono)

(Pause)

Sprecher:       Was sollte der Gott da sagen?

Der Mensch, losgelöst, leer und beunruhigt, will Antwort  - und gibt sie sich selbst.

Wenn nur eine Wahrheit zu dem einen Wege weist, der Sicherheit über das Ziele schaffen kann, da kann nur der den richtigen kennen, der auch der Stärkste ist, mit ihm ist Gott.

So bringt er selbst sich den Beweis. Einer nur kann über alle siegen, nur einen Gott wird es dann geben und es wird seiner sein, sprach er doch wohl zu ihm. Der Gott, der bliebe, der siegreiche und einzige, muss auch der wahre sein, so dass der Mensch wisse, dass er an den rechten Glauben glaube. Und so sicher war sich nun der Mensch, dass er gleich weiterging: der Sieg, der Gewissheit bringt, bringt mir die Einheit. Und wer sich wehrt, den schlag ich eben tot. Und er schlug zu.

Doch Gott schwieg und ließ den Menschen, der zwar hören, doch nicht zuhören konnte, der verstehen wollte, aber nicht erkennen.

Im Strom des Blutes, vergossen ob der Einheit, Wahrheit und des Rechts, ertrank alles. Nur die Trennung blieb und wurde selbst zur ehernen Wahrheit des Menschen, der nur umso wütender um sich schlug und wild erschlug, die Einheit endlich zu erfahren. Da war kein Sieg, da blieb nur Einsamkeit.

Und da schrie der Mensch ein letztes Mal, fast ein ersterbendes Tier, voll Bitterkeit und Schmerz:

 

Tänzerinnen: Und schuld allein ist Gott, der zu mir sprach und mir den Frieden nahm.

Sprecher:       Und Gott wusste nicht, was er da sagen konnte.

Tänzerin:       Ganz klein fühlte sich der Mensch

Sprecher:       und Gott selbst war nun nicht größer.

Sprecher:       Doch als der Mensch so schwach und kläglich, so wund und elend, so kraft- und mut- und hoffnungslos, so ohne eine Träne mehr, sein Werk begriff, da blieb ihm nichts und nichts blieb ihm von Wert.

In dieser leeren Stille, vernahm er ganz leis´, ganz zaghaft, ganz schüchtern nur, ein Flüstern.

Und so sprach Gott: Du... Ich...

Und der Mensch hörte ihn und verstand und sagte:

Tänzerinnen: Ja!

Sprecher:       Und da brach ein neues Zeitalter an und die Erde sollte selbst zum Himmel werden. Und der Herr sprach: „ Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“

Und so wird der Himmel auf Erden sein. Dies ist das größte und vornehmste Versprechen!

           

                        (Alternativer Einschub: Der Mensch aber blieb sich selbst der Nächste.

            Und Gott schwieg. Was sollte er da noch sagen?)

(Black)

Sprecher:       Wer hören kann, der höre.

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