"FALCO MEETS AMADEUS"

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Falco meets Amadeus-Plakat

Stuttgarter Zeitung

Der Manager braucht einen Hit, also klimpert Falco claydermanesk am Kinderflügel. "Das ist gestohlen und schiach", äzt aber Mozart und ruft sogleich im Himmel an. Beethoven und dessen Kollegen sollen helfen, doch just als dessen Schwerhörigkeit zum Problem werden könnte, stürzt sie schon bedrohlich, die Tonfolge im Intro jenes Songs, mit dem anno 1985 der Österreicher Falco drei Wochen lang Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts besetzt hielt. "Er war ein Superstar, er war so populär. Er war so exaltiert, because er hatte Flair", rappt also der junge Chartstürmer den alten Inspirator an.
Und jetzt alle: "Amadeus, Amadeus..."

Im wirklichen Leben haben die niederländischen Gebrüder Bolland dem größten Popstar, den Österreich je hervorbracht hat, aus seinem ersten Popularitätsloch geholfen. "Der Kommissar" war da schon drei Jahre alt, "Junge Römer" eine feine, aber schwer verkäufliche Platte. Dann aber "Falco III" mit "Rock me Amadeus", "Jeanny" und "Vienna calling". Mit seinem bizarren deutsch-englisch-wienerischen Kauderwelsch drang Falco in die Abgründe des Assoziativen vor; mit seinem bombastisch eingekleideten Rap war er seiner Zeit Jahrzehnte voraus. Aus dem Rockbassisten Hansi Hölzel war mit diesem Album Falco Superstar geworden, der mit gna-denloser Arroganz und überschäumendem Genie Minenfelder zwischen sich und den Rest der Welt pflanzte.

"Falco meets Amadeus" funktioniert auch auf Tournee "und immer weit über dem Niveau des bloß brav tingelden Singsang-Durchschnitts. Es bestürzt und unterhält gleichermaßen."
(Stuttgarter Zeitung)

13 Jahre, die letzten beiden davon in der Dominikanischen Republik, hatte er anschließend Zeit, dabei zuzuschauen, wie die Zeit ihn ein- und zwischenzeitlich überholte. Dem großen Pop-Erneuerer konnte das nicht gefallen: Am 6. Februar 1998 kollidierte er bei Puerto Plata frontal mit einem Bus, und die Menschen, die für so etwas zuständig sind, fanden heraus, dass er weder zu bremsen versucht hatte noch auszuweichen. Stattdessen fanden sie in seinem Blut Kokain, Marihuana und Alkohol, 1,5 Promille. Wenig später erschien Nachgelassenes: "out of the Dark", sein zweitbestes Album. "Muss ich denn sterben, um zu leben?" heißt es im Titelsong, der ein Hit wurde.

Eine Minute wäre genug

"Out of the Dark" zelebriert Falco (durchaus ähnlich und mit viel dekadenter Noblesse: Axel Herrig) im Hegelsaal im Würgegriff eines attraktiven Satanskommissars (verführerisch: Gudrun Schade), der nunmehr die Lebenswette des des Sängers als für ihn verloren deklariert: Eine Minute wechselseitiger Liebe zwischen Falco und Konny hätte es nur bedurft, und das Glück wä#re sein gewesen. Doch die Frau ward verstoßen, die abgöttisch geliebte Baby-Tochter vom Manager gezeugt, das Projekt Liebe nur mehr Schall und Rauch (wie das eben damals, Ende der Achtziger, der Wiener Boulevard dem Popstar und seiner Auserwählten gehässig schon vor dem Ringetausch prophezeite). Falco starb kurz vor seinem 41. Geburtstag.

Auf der Bühne im Musical "Falco meets Amadeus" wird schon vor dem Sterben Beerdigung gespielt, in einer Todesinszenierung auf dem Wiener Zentralfriedhof, die an einen frühen Film André Hellers erinnert. Mozart, der selbst nur 35 wurde und auch seine Probleme hatte ("No plastic money anymore, die Banken gegen ihn", rappte Falco), verkleidet sich da als heuchlerisch-geiler Bürgermeister, dem nur Falco die Show stehlen kann, als er, plötzlich lebendig singend auf dem Friedhof erscheint.

Das Muttermonstrum im Kopf

Die Scheinbeerdigung zur Verkaufsteigerung ist erfunden, so wie der elektrische Stuhl im Hotelzimmer oder das wülstige Muttermonstrum, das aussieht wie eine Karrikatur von Manfred Deix und dem Falken im Kopf herumspukt, während er mit "Jeanny" den Wald durchstreift. Dem neben Falco und Mozart dritten im Musicalbunde, dessen Biographie bei den Personalchefs großer Lebensversicherer Entsetzen hervorufen müsste, steckte sie denn in einer Bewerbungsmappe, war es offenkundig zu billig, bloß Falcos Leben nachzuerzählen.
Stattdessen hat der Autor Burkhard Driest, der früher eine Bank überfallen und später Romy Schneider betört hat, die quietschpralle Rastlosigkeit von Falcos Liedgut wie Leben in schrill-obskure Kurzgeschichten übersetzt, in denen die Fotosession zum Vorspiel wird und die himmlische Fachsimpelei unter Popstar-Kollegen zum großen Finale. Elmar Ottenthal (Regie) hat das halluzinogene driestsche Ideenbombardement auf die Bühne gezoomt - so grell, dass man sich die Augen reibt, so machbar, dass das Musical "Falco meets Amadeus", das anno 2000 am Theater des Westens in Berlin uraufgeführt wurde, auch auf Tournee funktioniert und immer weit über dem Niveau des bloß brav tingelnden Singsang-Durchschnitts.

"Falco meets Amadeus" bestürzt und unterhält gleichermaßen. Erstens wegen der in ihrer geradezu anmaßenden Vielschichtigkeit immer noch unerreichten Falco-Songs, die Driest und Ottenthal so passgenau wie möglich im Musical verankern, fernab aller Chronologie dem Inhalt verpflichtetet, zweitens wegen engagierter Darsteller vom prustend erfolgssüchtigen Manager bis zu den Tänzerinnen aus Falcos erotischen Halluzinationen. Drittens hat Johnny Bertl, der für gewöhnlich bei Ludwig Hirsch die Gitarre zupft, Falcos und Mozarts musikalisches Schaffen aufs Vergnüglichste vermengt.

(Michael Werner, Stuttgarter Zeitung, 4.4.05)

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