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M: Ich doch auch nicht. (J will sie ohrfeigen. M schnell:) Die Schulärztin hat mich untersucht. Ich musste mich vollständig ausziehen. Sie hat die blauen Flecke und Narben gesehen. Bei jedem hat sie gefragt, woher der kommt. „ich bin beim Sport gefallen“, hab ich gesagt. „Bin im Dunkeln gegen die Tür gerannt“, „Da bin ich in der Wanne ausgerutscht“, „Das ist von ´nem Fahrradunfall“, „Da hab ich mich an einer Scherbe geschnitten“... Aber irgendwann ist mir einfach nichts mehr eingefallen. Die Ärztin sah mich an und sagte: “Ich glaube dir nicht. Du solltest mir jetzt die Wahrheit sagen.“
J: Na und? Mich haben die auch schon dahin geschleppt. Zwei Stunden haben die auf mich eingequatscht. Aber ich hab auf sturgestellt und kein Wort gesagt. Keine Chance. Irgendwann haben sie mich dann unverrichteter Dinge gehen lassen. (reißt sie hoch und schüttelt sie) Also erzähl mir nicht, sie hätten dich gezwungen!
M: Die Schulärztin hat gesagt, ich kann ihr vertrauen, sie unterliegt der Schweigepflicht. Ich hab zugegeben, dass ich mich nicht selbst verbrüht hab. Aber es sei ein Unfall gewesen. Mutter hätte es eilig gehabt und in der Hektik sei das halt passiert. Ich wäre ihr in die Quere gekommen, es sei meine Schuld gewesen. Sie hätte mit dir zum Arzt gehen müssen, das sind schwere Verbrennungen. Nein, nein, sagte ich, dass sei alles halb so schlimm. Und sie wollte ja zum Arzt mit mir, aber ich wollte nicht. Sie sagte, es sei nicht meine Schuld. Ich solle mir nicht einreden, dass es an mir läge. Meine Mutter hätte die Pflicht gehabt, mich zum Arzt zu bringen. Und sie glaube mir nicht, dass das alles nur Zufälle und Unfälle gewesen wären. Und dann schleppte sie mich zur Schulpsychologin.
J: Und da ist dir nichts besseres eingefallen, als ihr dein dummes Leid zu klagen?
M: Die Psychologin sagte, dass Kinder ein Recht auf Liebe und Verständnis hätten. Dass es verboten ist, seine Kinder zu schlagen oder zu quälen. Das Kinder keine Sachen wären und nicht das Eigentum der Eltern. Dass sie keine Sklaven sind. Und das Kinder ein Recht hätten, nein zu sagen. Und wenn die Eltern kein nein zulassen, dann muss man die Kinder schützen. Sie sagte, die Kinder müssen ihre Eltern schützen, indem sie sagen, was ihre Eltern ihnen antun, weil die Eltern Hilfe brauchen!
J: Vater ist arbeitslos, Mutter am Rande des Wahnsinns, die drehen die doch durch den Fleischwolf! Denen ist das doch alles scheiß egal. Die stecken die noch in den Knast und uns ins Heim, zu den Kinderfickern! Aber nee, du blöde Kuh kannst ja nicht denken. Es geht ja immer nur um dich! Du bringst nur Schande über die ganze Familie. Anstatt Mitleid zu haben, bringst du Vater in den Knast, Mutter wird das nicht überleben. Und ich? Wenn das in meiner Akte steht, dann war´s das mit meiner Bundeswehrkarriere, die schmeißen mich hochkant raus. Schweres Elternhaus, Heimkind, Eltern im Knast! Die lachen mich doch aus! Was für ´ne Niete!
M: Aber ich hab das doch auch für dich getan!
J: Ich kann mir allein helfen, ich brauch deine Hilfe nicht! Ich komme ganz gut damit allein klar. Ich renn nicht zu irgendeiner Psychotante und heule mich bei ihr aus. Du willst dich doch nur an uns rächen, weil du in deinem beschissenen Selbstmitleid ertrinkst. Du hasst alle! Du hasst dich selbst, du kannst dich doch selbst nicht mehr ertragen. Du bist ein Häulein Elend! Dreck! Ein Freak! Und dafür willst du dich an uns rächen! (prügelt auf sie ein)
M: (versucht sich gegen die Schläge zu schützen) Ich wollte doch nichts sagen, aber die haben´s mir aus der Nase gezogen. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte, und auf einmal platzte das alles aus mir raus. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Ich hab sie angebettelt, niemanden etwas davon zu sagen. Ich hab gesagt, dass sie alles nur noch schlimmer machen, wenn sie meine Eltern darauf ansprechen. ( J. hört auf) Aber die sind gleich zum Direktor gerannt. Ich hab gesagt, ich wollte ihnen nur einen gefallen tun und einfach nur erzählt habe, was sie hören wollten. Und das ich mir das alles nur ausgedacht habe, weil ich es genoss im Mittelpunkt zu stehen und dachte, so könne ich Mathe schwänzen. Der Direktor hätte mir auch fast geglaubt, aber die haben darauf bestanden, dass er etwas unternimmt. Er wird es sich überlegen, hat er gesagt. Ich hab doch nicht geahnt, dass er gleich hier anruft.
(Er schmeißt sie aufs Bett. Robbt hinter her, presst sich auf sie.)
J: Du Miststück, du Schlampe! Du bist das aller Letzte! Du zerstörst die ganze Familie! Du zerstörst meine Zukunft, du zerstörst alles! Bist du jetzt zufrieden? Bist du zufrieden? Hast du jetzt endlich erreicht was du wolltest? Ich bring dich um! Ich bring dich um?
M: Nein, was tust du da?
J: Den Alten lässt du doch auch ran! Du Schlampe! Dann wird´s dich doch nicht stören, wenn ich´s auch mal mache! Du Hure!
M: Nein, nein, bitte! Lass mich, lass mich! Bitte, nicht!
(Sie kann sich befreien, rennt zum Stuhl. Er rennt ihr hinter her, doch sie stößt den Stuhl in seine
Rippen)
M: Merkst du nicht, was sie aus dir gemacht haben? Du bist genauso ein Schwein! Du säufst, du schlägst, du ....
J: Ich mach dich fertig!
M: Du brauchst Hilfe! Du willst mal ´ne Freundin haben? Du willst Kinder in die Welt setzen? Willst du die dann auch grün und blau schlagen, bloß weil dich dein Boss angeschnauzt hast?
J: Ich werde nie meine Kinder schlagen. Nie!
M: Und was machst du gerade? Merkst du noch was?
J: Du bist nicht mein Kind.
M: Ich bin deine Schwester!
(Er versucht, an sie heran zu kommen, doch sie schlägt ihn den Stuhl in die Seite und er stürzt aufs
Bett, dort bleibt er liegen, fängt leise an zu weinen.)
M: Ich muss hier raus.
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Leseprobe: "Freistunde"
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