"Viel Lärm um Nichts"

Poetenpack Logo

Radio 3 (ORB):

"Viel Lärm um Nichts"

Gestern stimmte eigentlich alles für einen gelungenen Freilufttheater-Abend:

es wurde mal wieder Shakespeare gegeben, der Star aller Freiluftbühnen, dessen Komödien auch in Berlin in allen Hinterhof-Hexenkesseln, in manchen Parks und vor vielen Kirchenruinen gespielt werden. Mit der Spielfläche vor dem Portal des Belvedere auf dem Potsdamer Pfingstberg wurde ein architektonisch attraktiver Spielortgewählt, der zugleich intim wie offen, vor allem aber auf einfache Weise stimmungsvoll wirkt. Auch das Wetter spielte mit: denn natürlich regnete es, wie es sich für Freilufttheater gehört. Aber nur leicht

und nur gelegentlich: man spürte die Elemente, aber sie störten kaum. Freilufttheater besitzt eine eigene Sinnlichkeit, und der bediente sich die Gruppe "Poetenpack" mit sicherem Gespür und solidem Spiel.

"Viel Lärm um Nichts" versammelt viele Figuren und Motive, die man aus Shakespeares anderen Komödien zu kennen meint: es gibt zwei Liebespaare und eine Intrige, es gibt einen bösen Bastard und eine Scheintote, es gibt eine Gruppe von derben, einfachen Menschen aus dem Volk, aber auch die andere, die höfische Gesellschaft. Deren Männer kehren aus dem Krieg zurück und spielen den nun teilweise weiter: mit Wort und Witz zwischen den Geschlechtern oder mit Heimtücke zwischen gesellschaftlichen Kontrahenten.

Shakespeares "Viel Lärm um nichts" ist eine virtuose Komödie der vielerlei Täuschungen, die vom Poetenpack als ein zugleich poetisches wie kräftiges, aber nie derbes Spiel entfaltet wird. Historische Lieder zu Flöte und Virginal geben eine besinnliche Stimmung vor, die vom Trommelwirbel der heimkehrenden Soldaten abgelöst und von den Bösen um den Bastard mit dem harten Gitarrenrock "Born in the saddle" gebrochen wird. So werden immer wieder Kontraste gesetzt, auch in der Kleidung: die Männer kommen in langen, dunklen

Soldatenmänteln, die Frauen in hellen, luftigen Kleidern daher.

Wie die Theatergruppe es versteht, Shakespeares ganz durch das Wort lebende und sich in langen Dialogen entfaltende Stück in Bewegung zu übersetzen, ohne dass der im Freilichttheater sonst so übliche Spielklamauk entsteht, das ist schon erstaunlich. Natürlich gibt es auch hier die spielerischen Typisierungen und gestisch-mimischen Überdeutlichkeiten, und mit allzu viel psychologischem Feinschliff bei der Charakterisierung der Figuren und

Konflikte wartet die Gruppe auch nicht auf. Aber es wird klares, sinnlich absichtsvolles und vor allem in den komödiantischen Szenen wirkungsvolles Theater geboten.

Mit einfachen Mitteln und schönen Masken wird die Karnevals-Feier zu einer (allerdings choreographisch eher wuseligen, dennoch) spielerisch bewegten Szene ausgebaut, und die Szenen, in denen vom Streitpaar Benedict und Beatrice jeder für sich intrigenhaft abgesprochene Gespräche der Höflinge belauscht, in denen jedem weisgemacht wird, der jeweils andere Streitpartner liebe ihn, sind geschickt in Portal und Galerie des Belvedere hinein inszeniert. Ohnehin ist dies seit langem wieder einmal eine Inszenierung im Freien, die ihren Spielort sowohl als attraktive, stimmungsvoll beleuchtete Kulisse nutzt wie ihn für das

Publikum aufschließt. Denn nicht nur dürfen wir nach der Pause des immerhin dreistündigen Spiels auch einmal aufstehen und in den Hintergrund des kleinen Gartens gehen, um der Braut Hero auf einem kleinen Podest bei ihren Hochzeitsvorbereitungen zu lauschen, später folgen wir den Darstellern in den Innenhof des Belvedere und gruppieren uns um das große Bassin. Die Kirchenszene, bei der ein durch eine Intrige getäuschter Bräutigam seine

Braut vor dem Priester von sich weist, wird auf einem Ponton im Wasser gespielt.

Es ist ein Ensemblespiel, das vor allem in den komischen Szenen überraschend souveräne Wirkung entfaltet. Wobei allerdings Beate Kurecki und Andreas Hueck als das sich spitzzüngig streitende Paar Beatrice und Benedict vor allem dann überzeugen, wenn sie nicht in die wirkliche Verliebtheit getrieben werden. Denn dann wird´s nur noch spielerisch ausgestelltes Zitat. Doch wie vor allem Lars Wild, aber auch Andrea Brose die wichtigtuerischen Polizeimeister Schlehwein und Holzapfel spielen und sich dabei mit witzigem Geschick durch die vielen wortspielerischen Fremdwort-Verdrehungen und Falsch-Benutzungen begeben, das macht wirklich Spaß. Und wie Jana Mattukat in der Rolle einer

Wache kämpft, sowohl mit den Schnapsflaschen wie mit ihrem schwankenden Körper

und ihren entgleisenden Gesichtszügen, das ist ungemein komisch und schauspielerisch sehenswert. Da macht es nichts, dass das Spiel der Theatergruppe Poetenpack insgesamt auf Überdeutlichkeit angelegt ist, und dass die einzelnen Schauspieler sich doch stets nur weniger gestisch-mimischer Mittel bedienen. Das sehe ich nämlich auch als bewusst eingesetzte Methode: wie z.B. der Bastard Don Juan hier nicht als dämonische Figur gespielt, sondern mit Sonnenbrille unterm Pilzkopf eher als melancholisch- groteske Figur aufgebaut wird, das überzeugt wie die gesamte Aufführung als eine Spielweise, die Freilufttheater-gemäß erscheint.

Hartmut Krug

oben